Wenn Gehwege geteilt werden: Neuer Schlussbericht wurde veröffentlicht (77.0600)
Mehr Menschen gehen zu Fuß, mehr Menschen fahren Rad und der öffentliche Raum in unseren Städten wird knapper. Was zunächst nach einer erfreulichen Entwicklung für nachhaltige Mobilität klingt, bringt in der Praxis neue Herausforderungen mit sich: Wo Flächen begrenzt sind, entstehen Nutzungskonflikte. Besonders deutlich wird das dort, wo Gehwege für den Radverkehr freigegeben werden.
Der Schlussbericht zum FoPS-Forschungsauftrag „Qualität von Flächen des Fußverkehrs bei Freigabe für den Radverkehr“ (77.0600) geht genau dieser Frage nach: Unter welchen Bedingungen kann Radverkehr auf Flächen zugelassen werden, die ursprünglich dem Fußverkehr vorbehalten sind — und wann sollte darauf besser verzichtet werden? Im Fokus der Untersuchung stand die Freigabe von Gehwegen für den Radverkehr mit dem Ziel, empirisch fundierte Grundlagen für die Bewertung gemeinsam genutzter Verkehrsflächen zu schaffen. Dazu wurden an acht Standorten in Berlin, Oranienburg und Hannover Verkehrsbeobachtungen und Befragungen durchgeführt. Ergänzt wurde die Feldstudie durch eine Virtual-Reality-Studie sowie einen Workshop mit blinden und seheingeschränkten Menschen.
Die Ergebnisse zeigen: Je enger der Raum und je höher das Verkehrsaufkommen, desto häufiger entstehen Konflikte. Besonders schmale, linienhafte Gehwege sind problematisch, während breitere, flächenhafte Anlagen als sicherer und komfortabler wahrgenommen werden. Auch niedrige Radfahrgeschwindigkeiten und geringe Verkehrsdichten erhöhen das subjektive Sicherheitsgefühl deutlich. Die Freigabe von Gehwegen für den Radverkehr sollte grundsätzlich die Ausnahme bleiben. Aus Perspektive der Fußgehenden wird die Qualität solcher gemeinsam genutzten Flächen häufig als eingeschränkt bewertet. Wo eine Freigabe dennoch notwendig ist, braucht es klare Regeln, verständliche Kommunikation und wirksame Kontrolle.
Das Forschungsprojekt liefert damit eine wichtige empirische Grundlage für Kommunen, Verkehrsplanung und Praxis. Gemeinsame Flächen können funktionieren, aber nur unter den richtigen Bedingungen. Entscheidend sind ausreichend Raum, geringe Geschwindigkeiten, niedrige Verkehrsdichten und eine klare Gestaltung, die die Bedürfnisse besonders schutzbedürftiger Verkehrsteilnehmender berücksichtigt.
Der Schlussbericht erschien in der Schriftenreihe der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (BASt) und ist nun unter „Forschungsergebnisse“ verfügbar. Durchgeführt wurde der Forschungsauftrag von der Technischen Universität Berlin (Fachgebiet Straßenplanung und Straßenbetrieb) und HFC Human-Factors-Consult GmbH, Berlin.